InGedanken

WirrWarr oder Wu Wei?

In den letzten Wochen, in Zeiten von Corona, geht ja so einiges in der Gesellschaft um und vor sich. Jeden Tag aufs Neue muss ich persönlich für mich entscheiden, ob ich Facebook, LinkedIn und Co. ansehen möchte, denn die Informationsflut, die ich größtenteils sehr kritisch und mit Unwohlsein wahrnehme, bringt einen feinsinnigen Menschen wie mich einfach zu schnell aus dem Konzept. Und damit meine ich Infos rund um das politische, rechtliche und gesellschaftliche Geschehen. Ganz darum herum kommt man nicht, aber ich versuche, das in den für mich notwendigen Grenzen zu halten und mich auch weiter auf mich selbst zu konzentrieren. 

Was ich nach wie vor am bedenklichsten finde ist, dass der einen großen Geschichte mit dem Titel „Wir werden alle sterben, es ist schrecklich, wir müssen uns komplett isolieren und unbedingt bestehende Grundrechte und Gesetze ändern” (ich überspitze bewusst) auch weiterhin mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als informativen Nebenschauplätzen, die mindestens genauso relevant und vor allem wichtig sind. Stichwort Angst- und Panikmache. 

Gemischte Gefühle kommen auf, ein Hin- und Her zwischen „Mach dein Ding! Lass dich nicht irritieren!” und „Gegen diese Negativ-Flut kommt doch niemand an. Der kritische Shift in die andere Richtung wird einfach nicht erreicht.” – Anstrengend! Ein ständiges Empfangen von Informationen aus und auf sämtlichen Ebenen, ungefiltert, klatschend, mit Wucht. Manchmal umwerfend im wahrsten Wortsinn, manchmal aufbauend und stärkend. 

Doch die Überzeugung bleibt: Ich trage meinen nach vorne blickenden Teil zu dieser Sache bei! Weil ich darauf gepolt und der Überzeugung bin, dass das den größten Wert hat. 

Dabei überrasche ich mich immer wieder selbst. Meine Entwicklung von einem Mädchen, das sich schon früh selbst verletzt und ihren Körper für gefühlte Unzulänglichkeiten, Verletzungen, Schmerzen und Traumata bestraft hat. Einem Mädchen, das viel zu früh in ihrem Leben Ängste vor Tod, Verlust und Ablehnung entwickelt hat. Jahrelange depressive Auf- und Abs. Und jetzt? Freie Fahrt für die positiv gerichtete Schaffenskraft. Natürlich kommen auch immer wieder Phasen dazwischen, in denen ich zweifle und das Morgen nicht sehe. Doch die sind in der Regel indiziert von äußeren Einflüssen, die mich emotional erst einmal durcheinander bringen, aussaugen und damit schwächen. Dann sträube ich mich wieder gegen den Fluss, lehne mich gegen das Leben auf, verzweifle, verliere die Hoffnung. Und dann kommt sie zurück. Einfach so. Einfach so? Nein, nicht einfach so. Weil ich an und mit mir arbeite und mich besinne. Auf mich selbst, auf mein Innerstes, auf meinen Weg, auf meine Aufgabe, auf mein Wirken. Das beste Mittel gegen Depressionen und Verzagtheit ist die Innenschau. Angucken, aufräumen, (aus)sortieren, Vorhänge auf, lüften. 

So auch jetzt. Da ist diese unbändige Lebensenergie, die sich plötzlich bündelt und die großartigsten Dinge entstehen lässt. Einfach so, aus der Leere, aus dem Fluss. Aus der Leere kann alles entstehen, wenn wir es nur zulassen. Danach dann erstmal mal wieder lauer Wind. Sortieren, sacken lassen, sinnieren. Und am besten mitfließen. Wu Wei. Handeln durch Nicht Tun. Was? 

Wu Wei, das Kernelement des Taoismus, bedeutet nicht, nichts mehr zu tun. Wu Wei bedeutet vielmehr, sich dem Fluss des Lebens hinzugeben, mitzufließen, anzunehmen, was kommt. Süßes Nicht-Tun in voller Aktion. Ich lerne noch, doch es wird besser. Denn wenn mir eines in den letzten Monaten sehr bewusst geworden ist, dann dieses: Viel zu lange habe ich mich gegen das Leben gewehrt, bin immer wieder an ihm verzweifelt. Weil ich noch gar nicht hier angekommen bin, weil sich etwas in mir nach Zuhause sehnt. Und etwas aber doch nicht, denn natürlich liebe ich das Leben auch. Klingt sehr zwiegespalten? Vielleicht ist es das. Vielleicht is es aber auch einfach nur ehrlich. Ehrlich dahingehend, dass ich mich auf die Reise gemacht habe, mein Innerstes bis ins letzte dunkle Eck zu erforschen, mir all die seelischen Rumpelkammern und emotionalen schwarzen Löcher anzusehen. Nur um festzustellen, dass genau das die Essenz des Lebens ist: 

Beobachte, lerne, hinterfrage, blicke über den Horizont hinaus, wachse, gedeihe, heile, leuchte. 

Vor ein paar Wochen, in einer schamanischen Zeremonie, bin ich noch einmal durch meine tiefsten emotionalen und geistigen Täler gewandert. Es war Thema, es war nötig, das zu tun. Ab einem gewissen Punkt blieb nur noch die Leere. Erdrückend, beängstigend, tausend Zweifel säend. Doch die Leere kam, um der Fülle Platz zu machen. Sie kam aus dem Nichts, mit voller Wucht, integrierte sich in mein gesamtes Selbst und blieb. Insofern als dass ich jetzt weiß, wie ich sie abrufen kann. Alles kam zur rechten Zeit.  

Und gerade jetzt, in diesen Zeiten, bin ich umso dankbarer dafür, dass ich genau meinen Weg gehe. Sonst würde ich nur ganz vielleicht zu den Menschen gehören, die panikartig hamstern, sich eine echte Ausgangssperre auferlegen und all diejenigen verurteilen, die es ihnen nicht gleichtun oder nicht ihrer Meinung sind. 

Das Weltgeschehen ist immer auch ein Spiegel für das Maß an Heilung, das die Welt braucht.

Das hier sollte ein Experiment werden. Ich wollte einfach abtippen, was mir gerade in den Sinn kommt. Sehen, wohin mich jede einzelne Zeile führt. Ich hatte mir zwar ein thematisches Umfeld gesetzt. Das hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Ein westlicher Lehrer würde mir jetzt wegen Themaverfehlung die Note 6 geben.   

Ein Lehrer des Tao würde sagen: Wu Wei. 

Haux Haux. 

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