InSchamanismus

Das Märchen vom Fliegenpilz

„Den darfst du nicht anfassen, der ist giftig! Wenn du nur ein bisschen von dem Fliegenpilz isst, dann stirbst du!” Wer kennt diese Aussagen nicht, wenn es um den Feuerroten kleinen Zwerg geht, der in so vielen Wäldern auf der ganzen Welt beheimatet ist. Wenn ich mich an etwas erinnern kann dann, dass mir bereits in der Grundschule mit penetranter Beharrlichkeit eingetrichtert wurde, dass der Fliegenpilz tödlich giftig ist. Um den Spannungsbogen nicht zu überziehen fange ich mit der Antwort auf die Frage aller Fragen an: Der Fliegenpilz ist (fast) nicht tödlich giftig. Nach aktuellen Erkenntnissen müsste man über 100 Gramm rohen Fliegenpilz verzehren, um eine eventuell tödliche Dosis zu erwischen. Das hängt immer auch von der Potenz ab, die beim Fliegenpilz stark schwankt. Und auch das sind lediglich Vermutungen, da es noch keinen bekannten, durch Fliegenpilzkonsum verursachten, Todesfall gibt. Insofern hat das Marketing wohl seinen Dienst getan. Oder war es die Überlieferung? Warum will man uns seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten weismachen, dass der Fliegenpilz giftig ist? Hier möchte ich nun doch weiter ausholen. 

Amanita muscaria – ein Tor zur Außerzeitlichkeit

Zunächst soll gesagt sein, dass jedes belebte und auch nicht belebte Wesen auf dieser Welt aus schamanischer Sicht eine Seele, ein Geist innewohnt. Ja sogar die Erde selbst ist ein beseeltes Wesen und wir ein Teil davon. Zu den – nach unserer Sicht – nicht belebten Wesenheiten gehören Steine, Wasser, Berge, der Boden, etc. Kurzum gibt es im Schamanismus eigentlich keine nicht belebten Wesen in der Natur. Eine sehr gute Möglichkeit, in Kontakt mit all diesen beseelten Lebewesen zu treten ist, sie zu verzehren. Denn die Geister haben uns immer etwas zu sagen. So sehen Schamanen in psychoaktiven Pflanzen auch nicht selbige, sondern sie sehen den Geist der Pflanze, mit dem sie in Verbindung treten, um dessen Weisheit zu erfahren, zu heilen, zu divinieren (in etwa wie Wahrsagen), mit seiner HIlfe durch die Welten zu navigieren, oder ganz direkte Fragen zu stellen. 

Der Fliegenpilz ist eines der ältesten Psychoaktiva der Menschheitsgeschichte. Man nimmt an, dass sein Gebrauch bei den Völkern Sibiriens rund 10.000 Jahre zurück reicht und dass er überall in Eurasien verbreitet war. Als Beleg dafür dienen unter anderem zahlreiche pilzförmige Darstellungen in sibirischen Felszeichnungen.* Dass er auch im germanischen Raum für schamanische Zwecke genutzt wurde, konnte belegt werden. Ich würde zu gern wissen, was im Zaubertrank von Asterix und Obelix so alles drin war. Überall auf der Welt gibt es halluzinogene Pilze, die rituell verwendet werden. Die klassischen Zauberpilze enthalten allerdings Psylocibin, wohingegen der wirksame Stoff im Fliegenpilz Muscimol ist. Einer der ältesten Nachweise für den rituellen Gebrauch von psychoaktiven Pilzen findet sich in Form von Felsmalereien im Tassil-n’Ajjer-Massiv in der algerischen Sahara. Die Malereien datieren auf 9000 bis 6000 vor unserer Zeit und zeigen pilzförmige, tanzende Wesen, die Pilze halten, von denen Linien ausstrahlen.* 

Es wird angenommen, dass der Gebrauch von Fliegenpilz vor der Überquerung der Beringstraße in Asien verbreitet war. Mit der Einwanderung nach Nordamerika brachten die Paläoindianer auch den Fliegenpilzkult mit. Da es vor Ort allerdings stärkere und besser verträgliche psylocibin-haltige Pilze gab, verlor der Fliegenpilz für die Riten an Bedeutung. Und jetzt kommt ein Fun Facts für die Hamburger unter euch: Hier war (oder ist) es üblich, den Fliegenpilz ohne die rote Haut als Suppe zu kochen.** Es gibt viele weitere Mythen und Fakten zum Gebrauch von Fliegenpilz, doch ich möchte mich hier auf den schamanischen Gebrauch konzentrieren. 

Ist er nicht süß? 😀

Von Schamanen und Fliegenpilzen

Wie oben erwähnt überquerte der Fliegenpilzkult einen Ozean und fasste so – zumindest zeitweise – auch im amerikanischen Raum Fuß. Zu präkulumbianischen Zeiten galt der Fliegenpilz dort unter anderem als „Unterweltspilz”. Als ein Wesen also, dass mit der Unterwelt verbunden und ein Tor zum Reich der Toten war. Als Geisthelfer standen dem Unterweltspilz Kröten und Fliegen zur Seite. Er wurde für schamanische Einweihungen verwendet und fand vor allem in nekromantischen Riten Gebrauch. Also um in die Unterwelt zu reisen, die Seelen von Kranken aus der Unterwelt zu befreien oder für Opferhandlungen. Um das Wissen und die heiligen Riten zu schützen, wurde der Pilz schon damals für die breite Öffentlichkeit als giftig dargestellt. Die drei Zentren des amerikanischen Fliegenpilzkults waren das nordöstlich gelegene Waldland in Nordamerika, das zentrale Mesoamerika (u.a. Maya, Azteken) und das westliche Peru. Die Pilze wurden getrocknet verzehrt (Trocknen verstärkt die Wirkung, da die enthaltene Ibutensäure in Muscimol zerfällt, das eine stärkere psychoaktive Wirkung aufweist) oder die rote Haut zusammen mit Tabak geraucht. 

Das sibirische Volk der Korjaken lebt auf einer Halbinsel im äußersten Osten Russlands. Der Fliegenpilz ist für sie ein heiliges Wesen, denn er soll aus dem Speichel des höchsten Gottes entstanden sein. Sibirische Schamanen verwenden getrocknete Fliegenpilze, um in eine hellseherische Trance zu fallen und ihre Kräfte zu mobilisieren. Der Fliegenpilz dient vor allem dazu, Kontakt mit den Ahnen aufzunehmen, in die Zukunft und die Vergangenheit zu blicken oder in andere Welten zu fliegen. Beim Volk der Khanty ist es üblich, Anwärtern für die Stellung des Schamanen eine hohe Dosis Fliegenpilz zu verabreichen um zu testen, ob sie den Pilzgeist meistern und damit des Amtes würdig sind. 

Sogar in Japan ist der Fliegenpilz ein alter Bekannter und sein Geist, der Tengu, ist fest in der japanischen Mythologie verankert. Ein Tengu ist mal Geist, mal Dämon, mal Mönch, mal transformierter Schamane. Auf jeden Fall ist er ein Gestaltwandler, der vom Mensch zum Tier, zur Wesenheit werden kann. Und natürlich kann er fliegen.** All das spricht dafür, dass der Pilz hier ebenfalls zu rituellen Zwecken verwendet wurde, denn das, was wir Menschen der Moderne gemeinhin als Mythen und Sagen betrachten, hat doch meist seinen Ursprung in ganz weltlichen (rituellen) Praktiken und Begebenheiten. Der Fliegenpilz öffnet das Tor zu einer anderen Bewusstseinsebene, in die Unterwelt, zu den Ahnen. Die Aufgabe des Schamanen ist es, mit Intention durch diese Bewusstseinswelt zu navigieren und sich die Kräfte des Pilzgeistes zunutze zu machen. 

Auch hierzulande ist der Fliegenpilz ja eine sehr populäre Gestalt, die auch noch Glück bringt. Er ist Wohnsitz für Zwerge oder Elfen, wobei der Zwerg höchstwahrscheinlich eine Verbildlichung des Pilzgeistes darstellt. 

Der Weihnachtsmann war eigentlich ein Fliegenpilz

Diese These von Herrn Rätsch möchte ich euch auf keinen Fall vorenthalten. In Anbetracht der Historie des Fliegenpilzes finde ich sie übrigens sehr schlüssig. In seinem Buch „Abgründige Weihnachten – die wahre Geschichte eines ganz und gar unheiligen Festes“ beleuchtet er die Ursprünge unseres heute christlichen Weihnachtsfestes, das eigentlich ein heidnisches war und bereits von den Germanen gefeiert wurde (das Christentum hat übrigens sehr viele Feste und Gebräuche gestohlen und im Gegenzug heidnische Riten verboten. Ein sehr weites Feld). Zur Wintersonnenwende verzehrten die Germanen also Fliegenpilze, um der Sonne ein bisschen näher zu sein. Unser rot-weiß gekleideter Weihnachtsmann soll in Wirklichkeit ursprünglich der Gott Wotan gewesen sein, dem auch schamanische Eigenschaften zugeschrieben werden. Und eigentlich ist er ein anthropomorpher Fliegenpilz. Ich hatte bereits erwähnt, dass Fliegenpilze das Zuhause von Zwergen sind. Wer hilft dem Weihnachtsmann in seiner Werkstatt? Richtig, die fleißigen Wichtel mit den roten Mützen. Und woher kommen eigentlich die fliegenden Rentiere? Tatsächlich fressen Rentiere mit Vorliebe Fliegenpilze, der dieselbe oder eine ähnliche Wirkung auf sie hat, wie auf uns. Und schon können sie fliegen! Übrigens trinken Menschen auch den Urin von Rentieren, die zuvor Fliegenpilze verspeist haben, um sich zu berauschen. Im Schamanentum spricht man unter anderem vom schamanischen Flug. Ein Trance-Zustand, der beispielsweise über die schamanische Reise mit Trommel, oder in diesem Fall dem Verzehr von Fliegenpilz, erreicht wird, in dem der Reisende entweder selbst oder auf Tieren durch die Welten fliegt. Hier kommt eben der Weihnachtsmann auf seinem Rentierschlitten angeflogen. Also wenn das nicht überzeugend ist, dann weiß ich auch nicht.

Was nun tun mit dem Fliegenpilz?

Für den Fliegenpilz gibt es allerlei Verwendungsmöglichkeiten und wer selbst ein wenig im Netz recherchiert, wird schnell fündig werden. Man kann ihn also ohne Haut als Suppe kochen. Eine andere Variante ist es, ihn einige Stunden in Wasser einzulegen, da er so die psychoaktiven Substanzen ans Wasser abgibt. Sowohl der Pilz selbst als auch das Wasser können dann mit unterschiedlicher Zielsetzung verzehrt werden. Ein bis vier Fliegenpilze eingelegt in Wodka verleihen selbigem den extra Twist. Es ist auch möglich Bier oder Wein anzusetzen oder ein Sirup herzustellen. 

Warum wird uns nun erzählt, der Fliegenpilz sei giftig?

Die Konklusio dieses sehr kurzen Überblicks ist auf jeden Fall: Der Fliegenpilz ist nicht (wirklich) giftig, sondern psychoaktiv. Der schamanisch rituelle Gebrauch geht bis in die Steinzeit zurück und auch in anderen Kontexten fand und findet der Fliegenpilz Verwendung. Er ist ein verehrtes und heiliges Geistwesen, das uns und auch Tieren das Bewusstsein für jenseitige Ebenen öffnet. Und wenn wir des Geistes würdig sind können wir es schaffen, gezielt durch diese Ebenen zu navigieren und Informationen einzuholen, die nur dort verfügbar sind. 

Unter Bewusstseinsreisenden ist die Annahme vertreten, dass höhergestellte menschliche Vertreter um die Macht der psychoaktiven Substanzen nur allzu gut wissen und sie fürchten. Also werden sie verboten und verunglimpft, damit die Menschen nicht aufwachen, sich der grundlegenden Wahrheiten der Welt und des Daseins bewusst werden und sich auflehnen. Ein erhöhter und erweiterter Bewusstseinszustand führt zwangsläufig zu dem Verlangen, den Status Quo zu hinterfragen und auszubrechen. Man denke nur an all die anderen traditionellen, heiligen Gewächse wie Ayahuasca, Zauberpilze, Peyote, Cannabis, etc. Alles Pflanzen, die in der Natur vorkommen, seit hunderten und tausenden Jahren von den Menschen rituell verwendet werden, doch irgendwann wurden sie verboten. Zumindest für die westlich „zivilisierte” Gesellschaft. Das haben wir zum großen Teil auch dem Christentum zu verdanken und es ist einfach falsch, verdreht und weltfremd. Nur sehr langsam ist es Wissenschaftlern wieder gestattet psychoaktive Substanzen zu erforschen und mit ihnen zu arbeiten um beispielsweise Depressionen zu behandeln. Psylocibin ist dafür unter anderem bestens geeignet und hat vor allem keine Nebenwirkungen wie Psychopharmaka. 

Ich möchte betonen, dass das hier keine Anleitung und kein Anreiz für den Gebrauch von bewusstseinserweiternden Substanzen ist. Dieser Artikel dient lediglich der Auseinandersetzung mit dem Fliegenpilz im schamanischen und spirituellen Kontext und der Übermittlung von Informationen über selbigen. 

*Nana Nauwald: Bärenkraft und Jaguarmedizin – Die bewusstseinsöffnenden Techniken der Schamanen

**Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen

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