InSpiritualität

Reality-Check: Überpositivierung ist auch keine Lösung

Spiritualität ist ein brandaktuelles Thema, für das es wahrscheinlich so viele Interpretationen wie Menschen gibt. Der Individualität zum Trotz existiert natürlich auch für diesen Begriff eine Definition, die ich an dieser Stelle zum besseren Verständnis anbringe:

Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit“ und bezeichnet eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit. Während Religiosität die Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt und die Empfindung einer transzendenten Wirklichkeit meint, beinhaltet (religiöse) Spiritualität zusätzlich die bewusste Hinwendung und aktive Praktizierung einer als richtig angesehenen Religion oder Weltanschauung.*

Der Duden verbindet damit Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen.**

Zurück zur individuellen Auslegung

Ich bin ein spiritueller Mensch und das schon mein Leben lang, wenngleich ich mich mit der Begrifflichkeit selbst erst etwa zehn Jahre lang identifiziere. Für mich bedeutet spirituell zu sein, nicht unreflektiert vorgefertigten Glaubenssätzen und Dogmen, wie z.B. Religion oder gesellschaftlichen Normen, zu folgen, sondern das Leben und die Welt auf individuelle Weise zu erfahren, zu lernen und Schlüsse zu ziehen. Nicht alles hinzunehmen, wie es auf den ersten Blick scheint. Zu hinterfragen und kritisch zu sein. Vor allem auch sich selbst gegenüber. Das Bewusstsein, dass es etwas Größeres gibt, als wir mit unseren limitierten Sinnen erfassen können. Nach Wachstum, Weiterentwicklung, Heilung und Erleuchtung zu streben und einen positiven Beitrag zu leisten. Diese grundlegende Weltanschauung formt natürlich alle Bereiche meines Lebens. Ich folge keinem Guru. Ich bin mein eigener Guru und Teil von dieser Welt. Mit all ihren Herausforderungen, positiven und negativen Eigenschaften. So viel erst einmal zum hintergründigen Thema dieses Beitrags.

Was hat das jetzt mit Überpositivierung zu tun?

Die spirituell geprägte Lebensweise erfreut sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Die meisten Menschen bringen als erstes Yoga, Veganismus, Coaches und Selbstliebethemen damit in Verbindung. Das wiederum hat zur Folge, dass große Trends entstehen, die dem spirituellen Leben zugeschrieben werden und natürlich (Nach)-Wirkungen mit sich bringen. Ich habe einmal einen längeren Kommentar einer Redakteurin in der Brigitte gelesen. Sie hat sich darüber aufgeregt, dass viele ihrer Freundinnen und Bekannten plötzlich das Thema Selbstliebe für sich entdeckt hätten und sie sich scheinbar nur noch um sich selbst drehen. Für sie ist das Thema also negativ behaftet und sie kann es nur bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Wenngleich ich auch eine Befürworterin der Selbstliebe bin (mein Beitrag dazu hier), kann ich sie verstehen. Es gibt einfach einen Punkt, an dem Begrifflichkeiten und ihre Interpretationen überreizt und verzerrt werden und mehr wie eine hübsche Hülle als echtes Bestreben nach tiefen, lebensverändernden Erfahrungen wirken. So geht es mir mittlerweile mit den fliegenden Floskeln

„Bleib positiv“, „Konzentriere dich auf das Positive“, „Mach dir keine Sorgen um die Zukunft“, etc. Immer öfter nehme ich eine, aus diesen Aussagen entstehende, Überpositivierung und damit Verzerrung des Ist-Zustands wahr. Diese Verzerrung ist vor allem vor dem Hintergrund seltsam, dass sich zumindest gefühlt mehr Menschen für die Problematiken und Gefahren unserer Zeit interessieren. Gibt es hier eine Lücke zwischen Theorie und Praxis? Oder handelt es sich um die gute alte kognitive Dissonanz?

Ein Beispiel

Ich war letztens auf einer Veranstaltung zum Thema Mindfulness. Das erste Wort hatte eine Dame, die dort ihre Produkte präsentiert hat. Sie hielt einen kleinen Vortrag zu selbigen, der vom Begriff „Positivität“ dominiert wurde. „Mach dir nicht so viele Sorgen um die Zukunft. Sei positiv, umgebe dich nur mit positiven Menschen, dann kannst du es auch mal besser aushalten, wenn jemand schlechte Laune hat.“

Vor allem der letzte Teil musste erstmal sacken. Jeder zieht sich natürlich eine individuelle Essenz aus solchen Aussagen, aber für mich haben diese Worte genau den Trend widergespiegelt, den ich wieder und wieder im Alltag erlebe.

Einen schlechten Tag zu haben ist halt out

Bitte lächeln. Was in asiatischen Ländern kulturell verankert ist (und deshalb nicht zwangsläufig natürlich und gesund sein muss), ist hier zum gesellschaftlichen must have-Accessoire geworden. Der Druck sich anzupassen hat also seltsamerweise im Zeitalter des Individualismus eine neue Ausprägung angenommen. Und die ist nicht minder ungesund als die Forderung, sich in ein unpassendes Schulsystem, Unternehmen oder sonstiges, für ein Individuum nicht adäquates, Umfeld anpassen zu müssen. Dagegen wird gekämpft, es wird angeprangert, es müsse sich unbedingt etwas ändern. Das neue Dogma der dauerhaften mentalen und emotionalen Positivität ist nichts anderes und schafft ein neues, starres Gefüge, in das man sich einzuordnen hat. Sonst gehört man vielerorts nicht mehr dazu. Und dieses Gefüge mündet in einer unverbindlichen Oberflächlichkeit, die die Menschen genauso krank macht und von sich selbst entkoppelt, wie die allseits kritisierte Digitalisierung oder die überzogenen Ansprüche an Schulkinder und Arbeitnehmer. Am Ende ist es einfach eine neue Form der Konformität, die den Eigenschaften des Individuums nicht gerecht wird.

Wie authentisch darf es denn sein?

Die Rufe sind laut geworden, sich in den sozialen Medien endlich mal authentisch zu zeigen. #nofilter #wokeuplikethis #badhairday #authentic – Hashtags mit Millionen von Suchergebnissen. Ich könnte an dieser Stelle natürlich eine Diskussion beginnen, wie authentisch die neue Authentizitäts-Initiative tatsächlich sein kann, aber das ist nicht das Thema. Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob die geforderte Authentizität auch wirklich authentisch ist. Denn wie authentisch kann eine Lebenseinstellung in der analogen Welt sein, die darauf abzielt, sich nur auf das Positive zu konzentrieren, immer bis über beide Ohren zu strahlen, seine Emotionen und die Geschehnisse in der Welt so gut es eben geht auszublenden und damit Menschen an den Rand der Gemeinschaft zu stellen, die vermeintlich negativ sind? Wir leben in einer Zeit der Extreme und bewegen uns dabei von einem Extrem ins andere. Was gestern noch gefeiert wurde, ist heute absolut verwerflich und das genaue Gegenteil wird gefordert. Dabei wird dann vergessen dass das genaue Gegenteil genauso extrem ist wie das Ausgangsteil, das wir nicht mehr gut finden. An dieser Stelle mache ich einen kleinen Ausflug zum Thema Achtsamkeit und frage mich, wie achtsam und positiv es sein kann, nicht darauf zu achten, dass Menschen sehr verschieden sind und auch mal „schlechte Laune“ oder Emotionen haben, die nicht zu unserer persönlichen Tagesform passen, sie sogar stören könnten. Wie achtsam ist es den Ist-Zustand auszublenden und von uns zu weisen, nur weil sie unseren „Flow“ stört?

Quellen:  *Wikipedia **Duden

Drama Baby

Ab welchem Punkt ist man eigentlich ein Miesmacher, Pessimist, nicht mehr positiv? Die Definition von Pessimismus lautet „(…) eine Lebensauffassung mit einer Grundhaltung ohne positive Erwartungen und Hoffnungen.”*** Das ist eine sehr klare Abgrenzung und absolut in der Auslegung. Ein Pessimist ist also ein Mensch, der dem Leben so gar nichts Positives abgewinnen kann. Ich habe tatsächlich noch nie einen Pessimisten, wie er im Duden steht, getroffen. Habe ich wirklich nicht. Hast du? Solch eine Einstellung zum Leben kenne ich nur von Menschen, die gerade eine schwer depressive Phase durchmachen oder auf ihren Suizid zusteuern. Und dann sind diese Menschen krank und man begegnet ihnen mit Mitgefühl und Hilfe, statt sie auszuschließen, weil sie nicht positiv sind. Wenn ich mal schwarz sehe, sagt meine Mutter immer „Sei nicht so pessimistisch”. Und ich denke mir dann: „Warum bin ich denn gleich pessimistisch, nur weil ich jetzt mal vom Negativen ausgehe?” Wenn ich mir die Definition ansehe, bin ich tatsächlich alles andere als pessimistisch. Ich persönlich sehe mich als Realistin mit Tendenzen zum Pessimismus und auch zum Optimismus. Mal so, mal so. 

Ich sehe mir Dinge an, denke darüber nach, versuche sie von so vielen Seiten wie möglich zu betrachten, ziehe Schlüsse und komme zu Ergebnissen. Dass ich damit nicht immer richtig liege ist auch klar. Und zwar sowohl bei Positiv- als auch bei Negativ-Erwartungen. Wer tut das schon, irren ist menschlich. Wenn eine Gemeinschaft es allerdings nicht aushalten kann, dass es manchen Mitgliedern schlecht geht, sie verstimmt sind, sie Dinge kritisieren, vielleicht sogar psychisch krank sind oder einfach keine gute Laune haben, und das auch mal über einen gewissen Zeitraum, ist diese Gemeinschaft nur eine leere Hülle. Bei der Eheschließung heißt es nicht umsonst „In guten wie in schlechten Zeiten”.

Wer den Ist-Zustand verleugnet feiert die Ignoranz 

Ich kann mich noch gut an eine Auseinandersetzung mit einer Person vor ein paar Jahren erinnern. Diese Person war für ein paar weitere Jahre davor ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, doch manchmal ist es besser, wenn Wege sich trennen. Also ging ich in eine andere Richtung. Jedenfalls wählte diese Person ebenfalls den Weg des Schamanismus, aber einen ganz anderen als ich. Einen, der in meinen Augen sehr wenig mit wahrem Schamanismus zu tun hat. Es stellte sich heraus, dass sie es vorzog, sich nur noch in einer sehr kleinen Gemeinschaft zu bewegen, die ihren eigenen Regeln folgte und sich von der Außenwelt abschottete. Plötzlich war alles, was außerhalb dieser Gemeinschaft geschah, nicht mehr passend und störte nur noch das innere Gefüge dieses erlesenen Kreises. Bei unserem Showdown-Telefonat fragte mich selbige Person dann (sinngemäß – an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht), warum sie sich mit der Welt und weltlichen Problemen beschäftigen solle; das alles sei ja nur eine Projektion der Menschen und ein ständiges Drama. 

Diese Aussage besiegelte für mich das Beziehungsaus. Ja, die Welt ist voller Dramen. Es gibt Mord und Totschlag, Kriegsschauplätze, Artensterben, Umweltverschmutzung, den Klimawandel. Das ist negativ. Das ist dunkel. Das ist anstrengend. Das ist herausfordernd. Das ist unangenehm. Es ist ein Produkt einer von Trauma, Entwurzelung und von sich selbst getrennten Menschheit. Es wird aber nicht verschwinden, nur weil wir unter dem Deckmantel der Spiritualität und Achtsamkeit beschließen, uns auszuklinken, nur noch auf das Positive zu konzentrieren, uns keine Sorgen mehr zu machen, zu meditieren oder Yoga zu praktizieren. Dazu fällt mir ein, was Osho über Mönche sagte. Sinngemäß ging es ihm darum, dass Mönche zwar spirituell leben und wohl auch die Erleuchtung gefunden haben. Doch sie ziehen sich in ihre kleine Welt zurück, schotten sich damit von der Außenwelt ab und sind nicht Teil des weltlichen Geschehens. Das kann man machen. Aber nicht, wenn man im Hier und Jetzt wirklich etwas bewirken möchte. In diesem Fall muss man mit beiden Beinen im Diesseits auf der Erde stehen. Und genau das ist, was ich an Osho so schätze: Es geht um das spirituelle Wachstum und persönliche Erleuchtung als Teil dieser Welt, als Teil des ganzen. 

Zu einem achtsamen Leben gehört es, Leid und Missstände zu erkennen, die Ursachen zu identifizieren, es anzunehmen und Wege aus diesem Dilemma zu finden. Und dazu wiederum gehört es, sich mit der kollektiven Realität auseinanderzusetzen, so hart und traurig sie auch sein mag. Wie soll man Wege aus dem Unheil finden, wenn man weder das Unheil selbst noch seine Ursachen kennt? Aus „Mach dir nicht so viele Sorgen um die Zukunft” kann schnell ein „Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft” werden und das führt geradewegs in die Ignoranz. Zudem ist es ein Unterschied, ob man sich in Sorgen und Angst verliert und dabei ebenfalls den Blick für sich selbst, den eigenen Weg und vor allem das selbstständige Denken verliert. Oder ob man den Istzustand bewusst wahrnimmt, sich Gedanken über Ursachen und Folgen macht und genauso bewusst darauf reagiert. 

Respekt an dieser Stelle auch für die Aktivisten der #FridaysforFuture-Bewegung, die genau diese ignorante Einstellung unserer Gesellschaft satt haben. Und ich habe es auch satt. Angst ist eine wichtige Eigenschaft für unser Überleben und stellt sicher, dass wir Situationen abschätzen. Solange sie sich in diesem natürlich Rahmen bewegt. Natürlich führt es nirgendwo hin, sich von Sorgen und Angst zerfressen und nur davon leiten zu lassen. Dann wird es krankhaft, das rationale Denken schaltet sich aus, wir sind ferngesteuert und verlieren den Blick für das Wesentliche. Doch das krasse Gegenteil führt uns auch nirgendwo hin, denn es ist genauso unnatürlich. 

Ich persönlich bin angesichts der globalen Lage tatsächlich der Meinung, dass wir uns alle viel mehr Gedanken um unsere Zukunft machen sollten. Und zwar in dem Sinne, wie wir sie für uns alle zum Besseren gestalten können. Greta ahoi. Unser Haus brennt. Und wenn unser Haus brennt, brennt auch irgendwann jedes einzelne unserer Zimmer, in denen wir uns so bequem nach Feng Shui eingerichtet haben und regelmäßig nach Marie Kondo aufräumen. Es muss ja alles seine Ordnung haben. 

Sei einfach du selbst als Teil dieser Welt! 

Liebe und Beziehungen sind einfach, wenn man sich nur auf das Positive konzentriert. Dann sind sie allerdings unecht und oberflächlich. Echte Liebe und ehrliche Beziehungen bestehen darin, auch die Schatten zu umarmen. Die rosarote Brille abzusetzen. Bei sich selbst genauso, wie bei jedem anderen, den du in dein Leben einlädst. Und wenn du doch mal an einem Punkt angekommen bist, an dem du deinem Leben wirklich gar nichts Positives mehr abgewinnen kannst, dann konsultiere bitte eine fachkundige Person, die dir hilft. Und vor allem: Hilf dir selbst. Denn selbst Liebe reicht nicht immer aus, um den Weg zurück ins Licht zu finden. 

Sei einfach authentisch! Lebe und akzeptiere deine Gefühle, auch die vermeintlich negativen. Hinterfrage und sei kritisch, bewege die Mundwinkel nach unten, wenn dir danach ist. Nimm die Tage an, an denen du dich wie Michael Douglas in Falling Down fühlst und verschwende deine Zeit nicht an Menschen, die dich nur mögen, wenn du sie bespaßt und ihren Wünschen nach kommst. Stehe zu der Person, die du bist! Mit all ihren Facetten, Gefühlen, lichten Seiten und dunklen Flecken. Reflektiere dich selbst, arbeite an dir und heile dich selbst. Sieh dir die Welt ganz genau an und behalte deinen inneren Kritiker. Er ist wichtig. 

Spirituell zu sein bedeutet nicht, nur noch wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen und sich aus dem Diesseits zu verabschieden. Ganz im Gegenteil. Denn wer stets nur in die Sonne blickt wird irgendwann erblinden. Es bedeutet in diesem Leben ein besserer Mensch zu werden, den Ist-Zustand, die persönliche Realität, zu dem auch die kollektive Realität gehört, anzusehen, ihn anzunehmen und ihn, wo nötig, aktiv zum Positiven zu gestalten.

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