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Wann macht Unzufriedensein unzufrieden?

Ich bin unzufrieden. In unseren Köpfen ist dieser Satz zunächst negativ konnotiert. Ob das nun historisch oder kulturell bedingt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht etwas von beidem. Doch warum assoziieren wir Unzufriedensein mit etwas Schlechtem, wo es doch so eine starke Triebfeder für Persönlichkeitsentwicklung, Vorwärtsgewandtheit, Innovationen und die Verbesserung des Status Quo ist? Ist es nicht vielmehr so, dass, wer zufrieden ist, sich nicht mehr bewegt? Und wann führt das Unzufriedensein zu anhaltender Unzufriedenheit?

Stillstand oder Glück auf Erden?
Fragt man Menschen ob sie glücklich sind erhält man oft die Antwort „Ich bin zufrieden“. Der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit bietet sicherlich viel Denkstoff für weitere Überlegungen, doch ist diese Antwort schon sehr interessant. Bedeutet das nun, der Mensch ist angekommen oder auf halber Strecke stehengeblieben und resigniert? Letztlich sollte das natürlich jeder für sich selbst herausfinden, doch mich beschäftigt die Frage, ob Unzufriedensein Fluch oder Segen oder beides ist. Sprachlich zumindest sind die Begriffe Zufriedenheit und Unzufriedensein deutlich definiert und abgegrenzt. Im Duden ist zu Zufriedenheit folgendes zu lesen: „Innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat; mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen o. ä. einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben.“ Unzufrieden sein wird gar gleichgesetzt mit „nicht glücklich sein“. Aber ist es wirklich so einfach? Besteht Glück nicht auch darin, weiterzumachen, sich zu entwickeln. vorwärts zu streben, Horizonte zu erweitern und zu ergründen, Dinge zu erschaffen, etc.? Und entsteht dieses Streben nicht aus dem gewissen Quäntchen Unzufriedensein heraus?

Unzufriedensein ist die Triebfeder für den Fortschritt
Fortschritt hat viele Gesichter. Meist verbindet man damit technischen Fortschritt, Innovationen, wissenschaftliche Durchbrüche. Startups leben von Fortschritt. Doch Fortschritt betrifft natürlich auch uns selbst in Form Wissen, das wir über uns, über andere und die Welt erlangen; Fortschritte, die wir in der Beziehung zu uns selbst und anderen machen, in unserem beruflichen und persönlichen Werdegang, die Verfolgung unserer Träume und Ziele und so viel mehr. Und ist nicht dieses mal mehr und mal weniger bohrende Unzufriedensein letztlich der Antrieb für diese konstruktiven und positiven Fortschritte? Richten wir uns streng nach der Definition im Duden, würde das Gegenteil bedeuten, dass wir mit Allem einverstanden sind und nichts mehr auszusetzen haben. Absoluter Stillstand also. Alles hängt zusammen, niemand von uns ist eine isolierte Zelle und Veränderung beginnt in uns selbst. Davon ausgehend und den Blick auf den Status Quo des Weltgeschehens richtend, wäre das kollektive Zufriedensein also fatal. Vielleicht könnten wir uns alle entspannt in unserem Schaukelstuhl zurücklehnen, wenn wir in einer friedlichen, gesunden und stabilen Welt leben würden. Hier wäre ein Streben nach mehr wohl nicht nötig, denn alles wäre gut wie es ist. Das Paradoxon ist, dass gerade auch das Unzufriedensein die Menschheit dorthin gebracht hat, wo sie jetzt ist.

Die zwei Gesichter des Unzufriedenseins
Da alles zusammenhängt, ist eine isolierte Anschauung unseres persönlichen Unzufriedenseins nicht möglich. Der Schmetterlingseffekt erklärt das ganz gut: Schon kleine Änderungen in einem System können große Folgen haben, die nicht abzusehen sind. Also sowohl positive als auch negative. Unzufriedensein kann Zerstörerisches hervorbringen. Nehmen wir nur Kriege, Verbrechen, die Abholzung der Regenwälder … All Das entsteht, weil zu viele Menschen unzufrieden sind mit dem, was sie haben. Sie wollen mehr Land, mehr Macht, mehr Geld, mehr Kontrolle, mehr Essen, mehr, mehr, mehr. In diesem Kontext passt die Bezeichnung „destruktives Unzufriedensein“ ganz gut und das entsteht aus einem nicht enden wollenden Gefühl des Mangels. Aus dem destruktiven Unzufriedensein wird dann schnell Gier, Sucht, Obsession, Extremismus. Die ständige innere Leere muss gefüllt werden. Auf der anderen Seite gibt es das „konstruktive Unzufriedensein“, das Großartiges hervorbringt: Die Reflexion und Weiterentwicklung der Persönlichkeit, eine Erweiterung des Kompetenz- und Wissensschatzes, das Erreichen von Trainingszielen im Sport, ein wunderbares Gemälde, perfektionierte Melodien, Gerätschaften, die die Weltmeere von Plastikmüll befreien und so viel mehr. All das würde nicht entstehen, wenn Menschen nicht den Anspruch hätten etwas zu ändern, besser zu machen. Weil sie mit dem Status Quo unzufrieden sind und etwas bewirken möchten. Wo aber liegt die Grenze zur Obsession, zur ständigen Optimierung und letztlich zum „destruktiven Unzufriedensein“? Also wann macht Unzufriedensein unzufrieden, wird aus Unzufriedensein ein Zustand der Unzufriedenheit?

Aus Unzufriedensein erwächst Zufriedenheit
Vielleicht liegt die Kunst darin, Prozesse und Entwicklungen abschließen zu können, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Loslassen, akzeptieren, dass wir unser Bestes gegeben haben und angekommen sind. Und vor allem verstehen und annehmen, dass wir ab jetzt nicht mehr benötigen, um glücklich zu sein. Wenn wir also dieses starke Wissen in uns haben, dass wir in unser persönliches Ziel gelaufen sind und die Strecke hier – für diesen Lauf – zu Ende ist. Oder ist das bisweilen nur ein Trugschluss, wir erkennen unsere eigene Größe, unsere Möglichkeiten nicht und geben uns mit weniger zufrieden als wir sein könnten? Wo beginnt nun wieder das „destruktive Unzufriedensein“? Ich bin noch zu keiner hundertprozentig zufriedenstellenden Conclusio gekommen, mein Weg ist also noch nicht zu Ende und ich gehe weiter. Für mich bedeutet die Anwesenheit von Unzufriedensein zumindest nicht die Abwesenheit von Glück oder Zufriedenheit. Glück findet sich in diesen besonderen Zeiten und Momenten. Unzufriedensein kann allumfassend, oder auf bestimmte Zustände, die der Bearbeitung bedürfen, begrenzt sein. Ich bin also partiell unzufrieden und rundum zufrieden damit.

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