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Meine Reise nach Utopia

„Ich kann das nicht tun, weil …“ „Das ist unmöglich, weil …“ „Das geht nicht, ich habe doch Verantwortung für …“ „Was sollen denn die Leute denken?“ „Dafür bin ich doch schon zu alt“ – und so weiter. Wie oft höre ich diese Sätze – natürlich auch von mir selbst – die uns daran hindern, das zu verfolgen, was uns wirklich wichtig ist. Träume, (Herzens-)Wünsche, Ziele. Selbstsabotage nennt sich das und bedeutet nichts anderes, als eine Mauer zwischen den Geist und die Emotionen zu bauen. Uns unser eigenes, ganz persönliches Gefängnis zu erschaffen. Bis die Mauer nach all den Jahren so dick und undurchdringlich ist, dass man von sich selbst abgeschnitten ist und nur noch funktioniert. Leider nicht um seiner selbst willen.

Die Angst zu versagen

Immer wieder, so auch kürzlich, fällt mir in Gesprächen mit Menschen auf, welche Ausreden erfunden werden, seine innersten Wünsche nicht erfüllen zu können. Ich korrigiere dieses können dann gern in wollen oder müssen, denn am Ende ist es nur das. Doch warum tun wir uns das an? Aus eigener Erfahrung heraus sage ich: Weil wir Angst vor dem Versagen und den Unwegsamkeiten haben, die uns auf unserem Weg begegnen werden. Wer wären wir denn noch, wenn wir es nicht mal schaffen, unsere tiefsten Wünsche zu verwirklichen und auf deren Grundlage ein erfülltes und glückliches Leben zu führen? Dabei sollten wir uns doch viel eher die Frage stellen, wer wir sein werden und auf was wir zurückblicken werden, wenn wir eben nicht unseren tiefsten Wünschen und Träumen folgen. Spätestens auf dem Sterbebett sind wir niemandem außer uns selbst darüber Rechenschaft schuldig, was wir mit unserem Leben angefangen haben. Eines der größten Probleme in der heutigen Zeit ist dieses ewige Streben nach Geld, Konsum und möglichst „schmückenden“ beruflichen Positionen, die Sicherheit gewährleisten sollen. Dennoch sind sehr viele Menschen ja nicht einmal glücklich in ihnen! Weil es an Anerkennung, Selbstverwirklichung, Freizeit, Freiräumen, etc. fehlt. Und Sicherheit kann trügerisch sein.

Eine kleine Geschichte vom Leben

Ich habe über diese Sache noch nie viel und vor allem nicht öffentlich gesprochen, aber an dieser Stelle macht es so viel Sinn, es als mahnendes, aber vor allem inspirierendes Beispiel zu tun. Als sich mein Vater Anfang des Jahres 2016 das Leben nahm wurde ich von Wellen unterschiedlichster Emotionen überschwemmt. Mein Seelenpartner und ich zogen ein halbes Jahr zuvor – sehr knall auf Fall – nach Hamburg. Ich hatte hier überraschend kurzfristig eine Stelle in einer kleinen Agentur ergattert, war hoffnungsvoll, dass sich nun alles fügen wird. Eine Teilzeitstelle mit der Option, mich nebenbei selbstständig zu machen. Das wäre einfacher, weniger Risiko. All das sollte sich als großer Trugschluss herausstellen. Ein weiteres Mal. Ich war unglücklich, ich zweifelte, bekam Existenzängste, bis meine ergänzende Hälfte mich überredete nun endlich mutig zu sein und mich so richtig selbstständig zu machen. All in. Nach ein paar Runden der üblichen Ausreden nahm ich mein Herz in die Hand und hatte Glück: Gründungszuschuss und ein Startkunde, der mich mehrere Jahre begleitete. Kurz darauf dann der härteste Rückschlag meines Lebens. Und ich habe schon viel erlebt, aber was ist schlimmer, als der (Frei-)Tod eines geliebten Menschen? Er kam nicht überraschend, denn er geschah mit verbaler Ankündigung, einem Vorlauf schwerer Depression, die sich perfiderweise so richtig einstellte, als mein Vater ein halbes Jahr zuvor endlich in Rente ging! Endlich, weil sein Job, den er eigentlich liebte, ihn auffraß. Er war Vollblutmathematiker, ein hochintelligenter und gebildeter Mann, der für die Firma unabkömmlich war. Die einzige Sache, die ihm schleichend über Jahrzehnte zum Verhängnis wurde war seine Unfähigkeit, sich in die Firmenstrukturen einzufügen (Ich bin Bayerin und nenne das Kind jetzt mal beim Namen: Konzerninterne Speziwirtschaft ist eben nicht jedermanns Sache. Da komme ich ganz nach meinem Vater). Auf den Punkt gebracht bedeutete das nichts anderes, als jahrelanges Mobbing und zwar von oberster Stelle. Hier spielt auch das Bestrafen des Andersseins eine Rolle. Anfängliche Versuche eines Arbeitgeberwechsels scheiterten. Hochspezialisierung zahlt sich leider nicht immer aus. Also litt er viele Jahre lang mal mehr, mal weniger still. Es mussten schließlich Kinder versorgt, ein Haus gehalten, Rechnungen bezahlt werden. Dann kam die Rente, die Erlösung, so sollte man meinen. Wieder ein Trugschluss, denn unverständlicherweise ging es dann erst richtig bergab. Plötzlich hatte er zu viel Zeit zum nachdenken und die Gedanken fingen an zu kreisen. Er strudelte sich in einen tiefen, dunklen Abgrund aus dem ihm niemand mehr heraushelfen konnte. Sein Leben brach über ihn herein und am Ende war er der festen Überzeugung, er hätte alles falsch gemacht. Alles. Es war einfach zu viel, zu anstrengend. Also gab er auf. Es war sogar egal, dass da Menschen zurückbleiben, die ihn liebten und die ihm helfen wollten. Beides schmerzt gleich viel: Zu sehen, dass ihn nicht mal das im Leben gehalten hat und dass er nach 65 Jahren der festen Überzeugung war, alles im Leben sei schief gelaufen, alles war umsonst. Und warum oder wofür das Alles? Die Ursachen hierfür sind so vielfältig wie das Leben, doch nicht zuletzt ist ein wichtiger Grund für diese Wahl die Unfähigkeit zu reflektieren, Gefühle zu ergründen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, Geist und Herz wieder auf einen Kurs zu bringen und im Leben auszuräumen. Das ist nur ein sehr, sehr kurzer Abriss dieser langen Geschichte. Worauf ich hinaus will:

Wofür das Alles?

Es ist nicht so, dass ich mir nicht schon vor diesem Erlebnis sehr viele Fragen über meine Existenz und mein Leben gestellt hätte. Den spirituellen Weg – wenn ich jetzt mal nach Definition gehe – beschritt ich 2011. Aber diese Sache, diese Tragödie – so schrecklich sie war – gab mir einen weiteren entscheidenden Schubs in die richtige Richtung und ich begann noch tiefer über das Leben und seinen Sinn nachzudenken. Denn auch nach so einem Ereignis hat man die Wahl. Entweder, man zerbricht daran und findet Ausreden, warum alles sinnlos und das Leben schwierig ist und man am Ende ja sowieso stirbt. Oder man zieht Kraft und Inspiration daraus. Ich habe mich für letzteres entschieden, wobei mir die schamanische Arbeit und die damit verbundene Sicht auf das Leben sehr geholfen haben. Anfang 2016, sehr genau einen Monat vor dem Suizid, habe ich mich selbstständig gemacht. Einfach wäre einfach zu einfach gewesen. Ich schleppte mich bis zum Endes des Jahres irgendwie weiter. Dachte, dass 2017 besser wird, was es nicht wurde. Die Nachwehen waren deutlich zu spüren plus die Tatsache, dass es sowieso schon nicht leicht ist, sich als Neuling in einer Stadt zu etablieren. Neue, sehr unangenehme Herausforderungen waren schon längst bis in meine/unsere sehr nahe, physische Lebensumgebung vorgedrungen. Geschwächt flog ich Ende des Jahres in einen längeren Urlaub, gestärkt kam ich wieder, aber die Bedingungen waren die Gleichen. Ein weiterer langer Kampf, eine kurze Flucht, danach weiter auf dem Schlachtfeld und am Ende haben wir diesen Kampf glücklicherweise gewonnen. Es wird dem Universum allerdings auch nicht langweilig, neue Herausforderungen zu stellen. Während dieser ganzen Zeit und bis zu diesem Zeitpunkt an dem ich hier sitze und diesen Beitrag schreibe, rattert es in mir unaufhörlich. Die Zweifel kommen und gehen, die Angst klopft immer wieder an, die altbekannten Saboteure versuchen in meinen Kopf vorzudringen und ich stelle mir immer wieder dieselben Fragen. „Ist das wirklich richtig so?“ „Kann ich das so machen?“ „Das hat doch sowieso alles keinen Sinn“ „Ich glaube, ich bin auf dem falschen Pfad.“ usw. Und jedes Mal, wenn ich diese Stimmen höre, gehe ich wieder in mich und frage mich, was mich wirklich glücklich macht, wer ich jetzt gerade bin und wer ich sein will und ob bestimmte Situationen und Personen langfristig überhaupt eine entscheidende Rolle in meinem Leben spielen werden. Und dann ist es plötzlich wieder ganz einfach und ich folge meinem Pfad. Against all odds sozusagen. Rückblickend war das eigentlich schon immer so. Nur ist diese Haltung jetzt in meinem Bewusstsein einige Stufen weiter nach oben gerückt und ich habe fast, aber nur fast, meinen Frieden damit gemacht, sehr oft Steine auf meinen Weg vorzufinden.

Die Reise nach Utopia

Veränderung fängt in uns selbst an. Wir können uns glücklich schätzen wenn wir Menschen um uns haben, die es aus tiefstem Herzen gut mit uns meinen und uns die richtigen Anstöße geben. Aber spätestens für die Umsetzung sind wir ganz allein verantwortlich und dazu gehört an erster Stelle eine tiefe Reflexion unseres Selbst, unserer Schwächen, Laster, Stärken und die Suche nach unseren Sehnsüchten. Nach dem Erkennen und Eingestehen kann die Transformation erfolgen. Nur dann. Und dann beginnt auch endlich die Reise zu unserem wahren Selbst. Zwischendrin wird immer wieder diese schrille, genervte Kinderstimme meckern „und wann bin ich endlich daaaaaa?“ – Nach der nächsten großen Kurve. Vielleicht.

Wovon träumst du? Von Utopia? Niemand ist dort je gewesen. Aber das bedeutet nicht, dass es Utopia nicht gibt. Also: Folge deinem Traum. Wenn dir jemand einreden will, das sei verrückt, albern, unerfüllbar – Dann träum’ weiter. Noch mehr und noch verrückter.

Nelson Mandela

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